Ein Meer aus Lichtern, der Duft von gebrannten Mandeln und ein Junge, der bitterlich weint. 40 Jahre lang trug Matthias Küffner (53) eine tiefe Wunde aus seiner Kindheit im Herzen. Auf der Nördlinger Mess‘ passierte nun das, was er selbst für absolut unmöglich hielt: Getragen von großer Herzenswärme und tiefer menschlicher Verbundenheit eroberte er den Himmel.

Nördlingen. Es gibt Erinnerungen, die brennen sich ein Leben lang in die Seele. Für Matthias Küffner ist es der Besuch eines Volksfests, als er gerade 13 Jahre alt war. Während um ihn herum das pure, unbeschwerte Leben tobte und andere Kinder lachend von einem Karussell zum nächsten rannten, stand für den Jungen im Rollstuhl die Welt still. Matthias leidet an Spinaler Muskelatrophie (SMA). An diesem Tag brach die unbarmherzige Ungerechtigkeit seiner Krankheit über ihm zusammen. Er brach in Tränen aus. Die tiefe Trauer, einfach nicht dazuzugehören und ausgeschlossen zu sein, brannte sich tief ein. Zwar vollbrachte sein damaliger Physiotherapeut ein kleines Wunder, packte mit aller Kraft an und trug den Jungen für einen kurzen Moment in eine Riesenradgondel – doch mit den Jahrzehnten und dem Fortschreiten der Krankheit schien dieses Glück für immer unerreichbar.

Wenn die Muskeln schweigen, fliegt die Seele
Heute ist Matthias 53 Jahre alt. Seine Erkrankung hat ihm fast alles genommen, was unter körperlicher Freiheit verstanden wird. Seine Muskeln schweigen heute völlig. Er ist gesundheitlich quasi komplett bewegungsunfähig, gefangen in den engen Grenzen seines eigenen Körpers. Doch wer in Matthias’ Augen blickt, sieht kein Opfer. Man blickt in die Seele eines Kämpfers. Bei absolut klarem Verstand meistert er das Leben, arbeitet erfolgreich auf dem ersten Arbeitsmarkt als Programmierer und besitzt einen unendlich großen, unerschütterlichen Lebensmut.

Diese Lebensfreude brennt auch deshalb so hell, weil er in seiner Assistentin Regina Schiele eine außergewöhnliche Wegbegleiterin an seiner Seite hat. Regina leistet weit mehr als klassische Alltagshilfe; sie ist Matthias’ mentale Stütze und sein Fels in der Brandung. Wann immer die Welt schwer wird, schenkt sie ihm ihr Lebensmotto, das wie ein Donnerschlag gegen jede Barriere wirkt: „The sky is the limit – and if there is no way, create one!“ (Der Himmel ist die Grenze – und wenn es keinen Weg gibt, dann erschaffe einen!)

Als Matthias ihr vor kurzem während eines Dienstes wehmütig von diesem einen, fernen Tag aus seiner Kindheit erzählte und wie unendlich gerne er noch ein einziges Mal das Riesenrad spüren würde, schaute Regina ihn an. Matthias glaubte nicht daran. „Das ist heute nicht mehr möglich“, sagte er leise. Doch Regina bewies genau die Tatkraft, die ihre Arbeit so einzigartig macht. Sie lächelte und gab ihm ein unumstößliches Versprechen: „Es ist irgendwie möglich. Es ist gar kein Problem. Wir werden es möglich machen!“

Für die Umsetzung holte sie ihren Lebensgefährten und Matthias‘ langjährigen Freund Markus Bosch ins Boot, der mit vollem Herzen, planerischem Geschick und tatkräftiger Unterstützung an Matthias’ Seite stand. Gemeinsam bildeten sie ein unschlagbares Team, das diese logistische Herausforderung akribisch vorbereitete. Das Ziel: Das brandneue Riesenrad der Schaustellerfamilie Kipp auf der Nördlinger Mess‘.

Die Familie Kipp hat mit dieser Neukonstruktion ein echtes Meisterwerk der Menschlichkeit und ein wegweisendes Zeichen für gelebte Inklusion auf den Festplatz gebracht. Ihr Riesenrad ist von Grund auf völlig barrierefrei konzipiert. Dank fantastischer Rampen und einem absolut durchdachten Konzept der Schaustellerfamilie blieben Matthias, Regina und Markus Plan B und C von gefährlichen Hebeaktionen oder banges Hoffen erspart.

Tränen des puren Glücks
Es war Millimeterarbeit und ein vorsichtiges Rangieren, bei dem Regina Schiele und Markus Bosch jeden Handgriff perfekt koordinierten. Sie wichen keinen Zentimeter von Matthias‘ Seite, hielten ihn, stützten seine schlaffe Muskulatur und sicherten ihn mit absoluter Professionalität und emotionaler Wärme ab. So gelang es, dass Matthias mitsamt seinem schweren E-Rollstuhl total einfach in die Gondel einfahren konnte – Barrierefreiheit vom Feinsten.

Als sich das riesige Rad der Familie Kipp sanft in Bewegung setzte und die Gondel Etage um Etage nach oben schwebte, hielt Matthias den Atem an. Und dann lag es vor ihnen: das funkelnde Ries, der unendliche Horizont und der einmalige Blick über Nördlingen. Matthias schwärmte sichtlich bewegt: „Die wunderbare Aussicht über Nördlingen und das Ries ist wirklich einmalig!“

In diesem Moment, hoch über den Dächern der Stadt, passierte es wieder: Matthias war den Tränen nahe. Doch dieses Mal waren es keine Tränen der Bitterkeit oder des Ausschlusses. Es waren Tränen des puren, überwältigenden Glücks. Er zählt den Tag zu seinen ganz persönlichen Traumerfüllertagen – von denen er in seinem Leben, nicht zuletzt durch Reginas mutmachende Worte und Taten, schon so einige wunderschöne Momente erleben durfte. Er weinte vor Freude über etwas, das für gesunde Menschen so alltäglich und selbstverständlich erscheint, für ihn aber die Welt bedeutete: Einfach dabei zu sein. Frei zu sein. ein Traum wird wahr.

Diese hochemotionale Fahrt zeigt, wie mächtig Inklusion ist, wenn sie von allen Seiten gelebt wird. Durch das wegweisende Engagement der Schaustellerfamilie Kipp wird Menschen im Rollstuhl oder mit Rollator nicht nur eine Aussicht, sondern echte gesellschaftliche Teilhabe geschenkt. Und dank des unermüdlichen Einsatzes von Regina Schiele und Markus Bosch, die mit ihrer Liebe, ihrem Mut und ihrer professionellen Unterstützung Barrieren im Kopf und in der Realität eingerissen haben, wurde bewiesen: Wenn das Herz stark genug ist, spielen die Muskeln keine Rolle mehr. An diesem Tag war Matthias Küffner nicht mehr in seinem Körper gefangen. An diesem Tag ist er geflogen. Ein Traum wurde wahr!

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